littlebitofcolour

Gedankenstriche

„Gute Nacht.“ „Du fehlst mir. Komm her und küss mich. Gute Nacht.“

Everyday.

Stillstand

„Hallo.“
„Hallo. Ist gerade schlecht.“
„Wieso?“
„Ich habe keine Zeit. Rufe in einer Stunde zurück.“
„Mhm. Okay.“
„Warte, ich schaffe es heute doch nicht mehr. Hab noch zu tun.“
„Klar.“
„Klar?“
„Ja, klar. Tut mir leid, dass ich Dich anrufe, um wenigstens fünf Minuten heute Deine Stimme zu hören.“

Atmen.

„Komm doch noch vorbei.“
„Geht nicht, muss noch einkaufen.“
„Dachte ich mir.“
„Das klingt, als ob ich keine Zeit für Dich hätte.“

Stille.

„Habe ich nicht gesagt.“

Schweigen.

Tränen. Tränen.

clumsy

Es ist 5.35 Uhr, der Wecker klingelt zum ersten Mal. Mit Mühe richte ich mich ein wenig auf, öffne die Augen, drücke die Snoozetaste und lasse mich zurück in das warme Bett fallen. Der Wecker klingelt erneut, ich wäge kurz ab, ob ich mir noch fünf oder zehn Minuten mehr leisten kann. Zehn. Das Frühstück wird also wieder einmal auf die sieben Minuten in der Bahn und die anschließenden zwölf Minuten Fußweg verschoben.
Ich gehörte noch nie zu den Menschen, die sich morgens oder gar am Abend zuvor einen genauen Zeitplan für den Tag erstellen. Was zu erledigen ist wird gemacht. Wie und wann wird sich ergeben.
Das geht so lange gut, bis Dir plötzlich Menschen Fragen über die Zukunft stellen. Klar, das Studium steht kurz bevor, irgendwas mit Menschen soll es sein, möglichst weit weg von zu Hause, denn da studieren schließlich nur die, die ihr ganzes Leben im gleichen Dorf und womöglich sogar im Haus der Eltern verbringen. Eine WG wäre sicher cool, wenn man denn mit den richtigen Leuten zusammen wohnt.
Richtig unangenehm wird es erst, wenn die Fragen ins Detail gehen. Wie man sich denn das alles vorstelle, die ganzen Umstellungen und man müsse sich ja bald bewerben, da sollte man sich im Klaren darüber sein, ob es nun Psychologie, Medizin oder Soziologie werden soll und die ganzen Kosten und die Mitbewohner müssten ja sorgfältig ausgewählt werden. Bei all dem Kopfzerbrechen über die Zukunft bleibt das Jetzt irgendwann auf der Strecke.
Noch habe ich Zeit. Zeit, um mich festzulegen. Zeit, um Pläne zu schmieden und ebenso schnell wieder zu verwerfen. Zeit, um Entscheidungen zu treffen und kurz darauf zu revidieren. Aber vor allem Zeit, um im Hier und Jetzt zu leben.
Ich habe nicht vor, davon zu laufen, mich vor wichtigen Entscheidungen zu drücken, die doch sowieso irgendwann gefällt werden müssen. Ich will mich nicht fürchten vor all dem, was auf mich zukommt. Ich will nicht jetzt darüber streiten, was wohl in einem Jahr sein wird, denn wer kann mir schon garantieren, dass alles, was geplant ist auch so in die Tat umgesetzt werden wird?
Ich will leben. Im Hier und Jetzt, ein bisschen im Morgen und auch ein klitzeklitzeklitzekleines bisschen im nächsten Jahr.

perfunctory

Ich war verletzt. Natürlich. „Ich habe zu viel getrunken“, hast du gesagt. „Alkohol ist keine Ausrede“, meintest du im selben Atemzug. So kannte ich dich nicht. Ich lag in deinen Armen als du sagtest: „Wir schaffen das schon.“
Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal begann, an uns zu zweifeln.

Entzugserscheinungen

Du. Ich. Vierhundertzweiunddreißigtausend Sekunden. Wir.

Off. On.

Dann reicht auf einmal eine Berührung aus und die Sicherungen brennen durch.

„Zieh‘ dich jetzt nicht zurück. Bitte.“
„Versprochen.“

Obwohl man sich doch eigentlich schon hinter seiner Schutzmauer verkrochen und diese gleich noch ein paar Meter höher gezogen hat. Dann legen sich diese wunderbar warmen, zärtlichen Hände wieder um die Mitte und plötzlich gerät die Mauer ins Wanken. Man möchte nicht mehr ganz so dringend einfach weglaufen. Einmal schreien und sich dann endlich Halt suchend in diese Arme fallen lassen würde schon ausreichen.

Dann wieder das ewige Versteckspiel. Worte werden schleppend hervor gebracht. Einfach Klartext reden und so zu schnell zu einer Aussprache kommen? So würde man Probleme doch schon im Keim ersticken können. Wozu all das also?

Nicht zurückblicken. Nur nicht umdrehen. Die Mauer, die doch eigentlich schützender Zufluchtsort sein soll, ist längst zerstört. Von Worten kaputt getreten.

Dann reicht auf einmal eine Berührung aus und man weiß, man wird all das überstehen.

Zwischendurch

An die Hand genommen und doch allein. Bin Tänzerin in diesem Drahtseilakt, stets darauf bedacht nicht zu fallen. In der Dunkelheit vom Licht geblendet. Zu oft das Gleichgewicht suchend. Verzehre mich nach Hoffnung, Worten, Berührungen. Spiele Hoffnungsträgerin und personifizierte Enttäuschung. Bin nie genug und doch zu viel.

Und mittendrin ein wir.

Kettenkarussell

Nach scheinbar endlos langer Zeit wieder das Gefühl haben voranzukommen. Langsam setzt sich etwas in Bewegung, wird stetig schneller. Den Boden unter den Füßen schon lange verloren, vergesse ich die Welt um mich herum. Ich hebe die Arme in die Luft, spüre den Fahrtwind in meinem Gesicht, das Kribbeln in meinem Bauch, während sich alles um mich herum schneller und schneller bewegt.
Unscharfe Bilder zischen an mir vorüber, ich schnappe Teile eines belanglosen Gesprächs auf.
Alles dreht sich.

Die Welt um mich herum fliegt an mir vorbei. Ich muss mich konzentrieren, um sie bewusst wahrnehmen zu können. Mir wird schwindlig, meine Schläfen pochen.
Bin ich es etwa selbst, die sich ununterbrochen im Kreis dreht und doch stets auf der Stelle geht?
Ich möchte, dass es aufhört, möchte die Kontrolle zurück, aber alles scheint nur noch hektischer zu werden. Menschen, die ununterbrochen auf mich einreden, Listen, die länger und länger werden.

Die Sonne geht langsam unter, verschwindet Stück für Stück hinter den Bergen. Alles was sie hinterlässt ist ein rot beleuchtetes Wolkenmeer, das träge am Himmel vorüberzieht.
Die Welt um mich herum wirkt plötzlich, als hätte jemand den Kontrast verstellt, damit ich wieder klarer sehen kann. Menschen fliegen nicht mehr einfach an mir vorüber, sie schlendern Einkaufspassagen, Landstraßen und Trampelpfade entlang. Einige lächeln schüchtern oder nicken mir zu.

Ich spüre, wie sich Arme um meine Taille schließen, zucke verwirrt zusammen, um gleich darauf von einem überwältigenden Gefühl von Wärme durchflutet zu werden. Ein Gesicht drückt sich sanft in meine Haare, eine vertraute Stimme flüstert mir etwas ins Ohr.
Und meine Welt steht wieder still.

Eine halbe Sekunde – Teil 1

Anton saß unter der alten Trauerweide am Ufer des Baches und fuhr mit seinen Händen gedankenlos durch das Gras, dabei ab und an einen Grashalm ausreißend. Neben ihm lag die große alte Reisetasche von seinem Bruder.

Sein Bruder. Noch immer konnte er es nicht fassen. Letzte Woche noch angelten sie gemeinsam nicht weit von hier. Auf einmal war er nicht mehr da. Früher hatte er diese Geschichten nicht geglaubt, von der einen falschen Entscheidung, von der halben Sekunde, die alles verändern konnte. Doch dann kam der Anruf aus dem Krankenhaus. Das änderte alles.

In der Tasche war nicht viel. Eine zweite Jeans, ein paar Shirts, zwei, vielleicht auch drei Unterhosen. Keine Socken. Die würden sowieso nur kaputt gehen. Das alte Tagebuch seines Bruders hatte er noch eingepackt. Sein eigenes nicht. Dafür aber die alte Polaroidkamera und alles an Filmen, was er auf die schnelle finden konnte. Denn schnell musste er sein, sonst würde er nie gehen. Das wusste er. Ob er wirklich gehen musste, wusste er allerdings nicht.

Es war alles so schnell passiert, dass es für wohl alle Betroffenen noch mehr als eine Ewigkeit brauchen wird, bis sie verstehen werden. Anton war sich fast sicher, er würde nie verstehen. Wie kann jemand einfach da und dann einfach weg sein? Das ging nicht in seinen jugendlichen Kopf.

Während die Stunden vergingen und die Sonne anfing, bedenklich rot zu werden, war Anton keinen Schritt weiter gekommen. Nicht mal in Gedanken. Das Piepsen seiner Armbanduhr schreckte ihn auf. Für einen kurzen Moment lang wusste er nicht mehr, wo er war, dann sah er das Abendrot und nach einigen mühsamen Fehlschlägen des Aufstehens machte er sich endlich auf den Weg in die nicht weit entfernte Kleinstadt. Dort, so hoffte er, würde es möglich sein ein ihn wenigstens ein wenig vor seiner Vergangenheit schützendes Quartier für die Nacht zu finden.

Der Morgen war kalt. Viel zu kalt für die Jahreszeit. Anton dachte darüber nach, dass es eine Regel geben müsste, die es Julimorgen untersagt, so unsagbar kalt zu sein. Noch im Halbschlaf griff er auf den Nachttisch neben sich. Ein Buch. Das Tagebuch. Gestern Abend hatte er noch darin geblättert. Jetzt wünschte er sich, es niemals mitgenommen zu haben. Zu groß war der Schmerz, der sich bei jedem einzelnen Wort, bei jedem Schwung der Tinte, dieser sonderbar dunkelgrünen Tinte, durch seinen Körper zog.

Zu verstehen, was in einem Menschen vorgeht, der jemanden, en er liebt, verloren hat, heißt, sowohl ihn, als auch den Verlorenen gleichsam zu lieben. Zu verstehen, was in Anton vorging, würde nun also Lenes neue Aufgabe werden. Anton musste schnell ein paar Tränen wegdrücken, bevor er zur Rezeption ging, um zu telefonieren.

„Hallo?“

„Lene? Ich bin es. Ich…Tim…“

„Anton?…Anton?…Was ist? Was ist mit Tim?“

Er hatte aufgelegt. Nicht beabsichtigt. Sein Unterbewusstsein hatte das für ihn entschieden. Schnell flüchtete er zurück auf sein Zimmer. Das Tagebuch starrte ihn mit seinen Tintenbefleckten Seiten an. Schnell nahm er die Tasche und suchte, das Buch in das am wenigsten frequentierte Seitentäschchen zu stopfen. Novh während des Reißverschlusszuziehens klopfte es an der Tür.

„Junger Mann, da ist ein Telefongespräch für sie an der Rezeption. Die Dame Klingt sehr besorgt!“

Er wusste es und hatte es trotzdem nicht glauben wollen. Lene würde sich sofort kümmern. Sie würde da sein, so wie sie es immer war, selbst, wenn er unbeholfenerweise den Hörer noch zehn mal wieder in die Leitung hängen würde.

(Teil 2: http://bit.ly/pp65nD)

Gedankenzeitgefühl

Ich sitze auf dem alten Holzstuhl auf dem Balkon in eine Decke gewickelt und beobachte die Wolken. Manchmal würde ich gerne die Welt anhalten, nur für ein paar Sekunden, damit sie stehen bleiben und ich sie noch etwas länger ansehen kann. Es ist stürmisch heute. Ich ziehe die mit bunten Flicken bestickte Decke etwas enger um meine Schultern. Meine Gedanken kehren dorthin zurück, wo sie eigentlich nicht sein sollten.

Wir hatten uns nicht mehr viel zu sagen und doch blieb so vieles unausgesprochen. Letztendlich hingen so viele ungesagte Worte zwischen uns in der Luft, dass das Atmen schwer fiel.

Als ich nach meiner Teetasse greife stelle ich fest, dass sie leer ist. Seufzend strecke ich die Beine aus. Ich habe jegliches Gefühl für Zeit verloren. Eine Katze läuft über die Wiese hinter dem Haus. Katzen haben dich immer fasziniert. Sie seien so anmutig, hast du gesagt.

Ich stehe auf und gehe in die Küche. Gerne hätte ich dir von meinem Tag erzählt und dich gefragt wie es dir geht, was du machst. Während der Wasserkocher leise zu zischen beginnt sehe ich aus dem Fenster.

Ich habe dich nie eine Katze streicheln sehen.