Eine halbe Sekunde – Teil 1

von farbenmaedchen

Anton saß unter der alten Trauerweide am Ufer des Baches und fuhr mit seinen Händen gedankenlos durch das Gras, dabei ab und an einen Grashalm ausreißend. Neben ihm lag die große alte Reisetasche von seinem Bruder.

Sein Bruder. Noch immer konnte er es nicht fassen. Letzte Woche noch angelten sie gemeinsam nicht weit von hier. Auf einmal war er nicht mehr da. Früher hatte er diese Geschichten nicht geglaubt, von der einen falschen Entscheidung, von der halben Sekunde, die alles verändern konnte. Doch dann kam der Anruf aus dem Krankenhaus. Das änderte alles.

In der Tasche war nicht viel. Eine zweite Jeans, ein paar Shirts, zwei, vielleicht auch drei Unterhosen. Keine Socken. Die würden sowieso nur kaputt gehen. Das alte Tagebuch seines Bruders hatte er noch eingepackt. Sein eigenes nicht. Dafür aber die alte Polaroidkamera und alles an Filmen, was er auf die schnelle finden konnte. Denn schnell musste er sein, sonst würde er nie gehen. Das wusste er. Ob er wirklich gehen musste, wusste er allerdings nicht.

Es war alles so schnell passiert, dass es für wohl alle Betroffenen noch mehr als eine Ewigkeit brauchen wird, bis sie verstehen werden. Anton war sich fast sicher, er würde nie verstehen. Wie kann jemand einfach da und dann einfach weg sein? Das ging nicht in seinen jugendlichen Kopf.

Während die Stunden vergingen und die Sonne anfing, bedenklich rot zu werden, war Anton keinen Schritt weiter gekommen. Nicht mal in Gedanken. Das Piepsen seiner Armbanduhr schreckte ihn auf. Für einen kurzen Moment lang wusste er nicht mehr, wo er war, dann sah er das Abendrot und nach einigen mühsamen Fehlschlägen des Aufstehens machte er sich endlich auf den Weg in die nicht weit entfernte Kleinstadt. Dort, so hoffte er, würde es möglich sein ein ihn wenigstens ein wenig vor seiner Vergangenheit schützendes Quartier für die Nacht zu finden.

Der Morgen war kalt. Viel zu kalt für die Jahreszeit. Anton dachte darüber nach, dass es eine Regel geben müsste, die es Julimorgen untersagt, so unsagbar kalt zu sein. Noch im Halbschlaf griff er auf den Nachttisch neben sich. Ein Buch. Das Tagebuch. Gestern Abend hatte er noch darin geblättert. Jetzt wünschte er sich, es niemals mitgenommen zu haben. Zu groß war der Schmerz, der sich bei jedem einzelnen Wort, bei jedem Schwung der Tinte, dieser sonderbar dunkelgrünen Tinte, durch seinen Körper zog.

Zu verstehen, was in einem Menschen vorgeht, der jemanden, en er liebt, verloren hat, heißt, sowohl ihn, als auch den Verlorenen gleichsam zu lieben. Zu verstehen, was in Anton vorging, würde nun also Lenes neue Aufgabe werden. Anton musste schnell ein paar Tränen wegdrücken, bevor er zur Rezeption ging, um zu telefonieren.

„Hallo?“

„Lene? Ich bin es. Ich…Tim…“

„Anton?…Anton?…Was ist? Was ist mit Tim?“

Er hatte aufgelegt. Nicht beabsichtigt. Sein Unterbewusstsein hatte das für ihn entschieden. Schnell flüchtete er zurück auf sein Zimmer. Das Tagebuch starrte ihn mit seinen Tintenbefleckten Seiten an. Schnell nahm er die Tasche und suchte, das Buch in das am wenigsten frequentierte Seitentäschchen zu stopfen. Novh während des Reißverschlusszuziehens klopfte es an der Tür.

„Junger Mann, da ist ein Telefongespräch für sie an der Rezeption. Die Dame Klingt sehr besorgt!“

Er wusste es und hatte es trotzdem nicht glauben wollen. Lene würde sich sofort kümmern. Sie würde da sein, so wie sie es immer war, selbst, wenn er unbeholfenerweise den Hörer noch zehn mal wieder in die Leitung hängen würde.

(Teil 2: http://bit.ly/pp65nD)

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