littlebitofcolour

Weg

Es war einer dieser Tage, an denen jede Bewegung zu viel zu sein schien. Sie saß in der Bahn, starrte aus dem Fenster und hoffte, dass der Zug endlich die nächste Haltestelle erreichte. Zum Glück befand sie sich nicht in einer dieser neumodischen U-Bahnen, sonst würden ihre Beine womöglich am Sitz kleben. In der Kurzstreckenbahn, in der sie saß waren die Sitze mit  blau-lila kariertem Stoff überzogen und während sie froh darüber war, dass es sich nicht um Plastiksitze handelte, kam ihr der Gedanke, dass sie lieber nicht wissen wollte, wer und was sich schon alles auf diesem Polster befunden hatte.

„Is’ hier noch frei?“ Sie sah auf. Ein älterer, entsetzlich schwitzender Mann stand vor ihr. Er wartete erst gar nicht ihre Antwort ab, sondern drückte sich mit drei vollen Stofftaschen auf den leeren Platz neben sie. Ein genervtes Stöhnen unterdrückend wandte sie sich ab und starrte weiter aus dem Fenster.

Die Haustür ging auf, Schlüssel wurden auf das weiße Sideboard geworfen, eine Tasche in die nächste Ecke geschleudert. Drei Briefe lagen auf dem Küchentisch. Autoversicherung, Telefonrechnung und ein an sie adressierter Brief. Sie blickte auf den Absender, schluckte einmal schwer, hielt kurz inne und zog sich dann einen Stuhl heran.

Sturmklingeln. Keine Reaktion. Lautes Klopfen an der Tür. Keine Reaktion. Lena wurde unruhig. Das passte nicht zu Marie. Normalerweise öffnete sie sofort beim ersten Klingeln. Sie ging um das Haus herum, kletterte mühelos über den kleinen Gartenzaun und gelangte über die offene Terrassentür ins Innere des Hauses. Schon beim Betreten des Wohnzimmers hatte Lena ein mulmiges Gefühl im Bauch. „Marie? Bist du da?“ Nichts. Sie ging ins Esszimmer und sah eine in sich zusammengesunkene Marie auf einem der Holzstühle sitzen. Sie hatte die Füße bis unter das Kinn gezogen, die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf auf sie gelegt. Lena musste nicht näher kommen, um zu bemerken, dass sie weinte. Wortlos hielt Marie ihr ein auf beiden Seiten beschriebenes Blatt Papier hin. Sie hielt den Atem an. Sie wollte das nicht lesen, wollte den Brief nicht einmal in die Hand nehmen, wusste sie doch genau, was darin stehen würde. Marie blickte sie mit verheulten Augen an.

Fünfzehn Minuten später saßen die beiden in Lenas Auto. Marie war plötzlich aufgesprungen, in ihr Zimmer gelaufen, hatte wahllos Klamotten in eine Tasche gepackt.

„Ich muss hier raus. Sofort.“

Zuerst fuhren sie ziellos umher, keiner sagte ein Wort. Lena brach schließlich das Schweigen. „Willst du darüber reden?“ Marie sah sie nicht einmal an. „Wohin soll es denn gehen?“ – „Weg.“

Also fuhr sie. Wohin wusste sie selbst nicht genau. Als es dämmerte hielt Lena schließlich am Ufer eines kleinen Sees. Maries Handy hatte zwischendurch zwei- oder dreimal geklingelt. Lena versuchte gar nicht erst, sie davon zu überzeugen abzunehmen, sie hätte es ja doch nicht getan.

Die beiden Mädchen stiegen aus, gingen um das Auto herum, lehnten sich an die Motorhaube und beobachteten die Sonne langsam beim Untergehen.

„Er kommt nicht zurück, oder?“, setzte Lena vorsichtig an. Marie schüttelte fast unmerklich den Kopf.

Die Sonne war schon eine Weile untergegangen, als sie plötzlich auf das Seeufer zuging. Sie streifte sich ihr blaues Sommerkleid über den Kopf und stürzte sich in die kalten Fluten. „Na los!“, rief sie Lena zu. Ungläubig betrachtete sie Marie. Dann warf auch sie Shorts und T-Shirt in das feuchte Gras und folgte ihr ins Wasser.

Ein Versuch

„Ich mache doch gar nichts.“
„Doch. Du bist da.“

„Du doch auch!“ möchte ich sagen. Du bist da. Immer. Du hörst zu, stellst die richtigen Fragen, findest die richtigen Worte. Du weißt, wann es Zeit ist mit mir zu schweigen und wann ich Worte brauche, um nicht von meinem Schweigen erdrückt zu werden. Du bist da und machst alles so viel einfacher und schöner. Du bist da und alles um mich herum wird besser.

Ich möchte versuchen, Dir etwas von dem zurückzugeben, was Du mir gibst. Ich bin da.

„You’re going to be okay.“

Irgendwann wird es okay sein. Natürlich. Nicht, weil alle das sagen, sondern weil es stimmt. Ich bin okay und irgendwann wird das alles okay sein. Ich werde zurückblicken und voller Überzeugung sagen können, dass es gut so war und dass es okay ist, wie es ist.
Noch ziept es ab und zu. Manchmal ist es eine Weile gut und plötzlich tut es wieder weh. Aber das ist okay. Ich gewöhne mich nicht an den Schmerz, aber ich lerne zu akzeptieren.
Manchmal würde ich gerne alles rückgängig machen und von vorn anfangen.
Was wäre, wenn ich jetzt vor dir stehen würde? Ich würde dir meine Hand hinhalten und mich vorstellen und auf den Moment hoffen, in dem du nach ihr greifst und deinen Namen nennst. Alles auf Anfang.

So einfach ist das nicht, das weiß ich und wahrscheinlich will ich das auch gar nicht wieder. Vielleicht würde alles genauso enden, wie es schon einmal endete, vielleicht würdest du nicht einmal nach der Hand greifen. Es spielt keine Rolle mehr, was wir denken, denn es gibt kein wir. Vielleicht gab es nie eines.

Es wird jeden Moment ein bisschen mehr okay und – so verrückt das klingen mag – du hilfst mir dabei.

I’m going to be okay.

(And I hope you are, too.)

Hier und Jetzt

Herzwach und kopfmüde. Worte, die Luft brauchen. Gedankenfetzen, die Freiheit bekommen.

Das alles hier.