littlebitofcolour

Kettenkarussell

Nach scheinbar endlos langer Zeit wieder das Gefühl haben voranzukommen. Langsam setzt sich etwas in Bewegung, wird stetig schneller. Den Boden unter den Füßen schon lange verloren, vergesse ich die Welt um mich herum. Ich hebe die Arme in die Luft, spüre den Fahrtwind in meinem Gesicht, das Kribbeln in meinem Bauch, während sich alles um mich herum schneller und schneller bewegt.
Unscharfe Bilder zischen an mir vorüber, ich schnappe Teile eines belanglosen Gesprächs auf.
Alles dreht sich.

Die Welt um mich herum fliegt an mir vorbei. Ich muss mich konzentrieren, um sie bewusst wahrnehmen zu können. Mir wird schwindlig, meine Schläfen pochen.
Bin ich es etwa selbst, die sich ununterbrochen im Kreis dreht und doch stets auf der Stelle geht?
Ich möchte, dass es aufhört, möchte die Kontrolle zurück, aber alles scheint nur noch hektischer zu werden. Menschen, die ununterbrochen auf mich einreden, Listen, die länger und länger werden.

Die Sonne geht langsam unter, verschwindet Stück für Stück hinter den Bergen. Alles was sie hinterlässt ist ein rot beleuchtetes Wolkenmeer, das träge am Himmel vorüberzieht.
Die Welt um mich herum wirkt plötzlich, als hätte jemand den Kontrast verstellt, damit ich wieder klarer sehen kann. Menschen fliegen nicht mehr einfach an mir vorüber, sie schlendern Einkaufspassagen, Landstraßen und Trampelpfade entlang. Einige lächeln schüchtern oder nicken mir zu.

Ich spüre, wie sich Arme um meine Taille schließen, zucke verwirrt zusammen, um gleich darauf von einem überwältigenden Gefühl von Wärme durchflutet zu werden. Ein Gesicht drückt sich sanft in meine Haare, eine vertraute Stimme flüstert mir etwas ins Ohr.
Und meine Welt steht wieder still.

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Eine halbe Sekunde – Teil 1

Anton saß unter der alten Trauerweide am Ufer des Baches und fuhr mit seinen Händen gedankenlos durch das Gras, dabei ab und an einen Grashalm ausreißend. Neben ihm lag die große alte Reisetasche von seinem Bruder.

Sein Bruder. Noch immer konnte er es nicht fassen. Letzte Woche noch angelten sie gemeinsam nicht weit von hier. Auf einmal war er nicht mehr da. Früher hatte er diese Geschichten nicht geglaubt, von der einen falschen Entscheidung, von der halben Sekunde, die alles verändern konnte. Doch dann kam der Anruf aus dem Krankenhaus. Das änderte alles.

In der Tasche war nicht viel. Eine zweite Jeans, ein paar Shirts, zwei, vielleicht auch drei Unterhosen. Keine Socken. Die würden sowieso nur kaputt gehen. Das alte Tagebuch seines Bruders hatte er noch eingepackt. Sein eigenes nicht. Dafür aber die alte Polaroidkamera und alles an Filmen, was er auf die schnelle finden konnte. Denn schnell musste er sein, sonst würde er nie gehen. Das wusste er. Ob er wirklich gehen musste, wusste er allerdings nicht.

Es war alles so schnell passiert, dass es für wohl alle Betroffenen noch mehr als eine Ewigkeit brauchen wird, bis sie verstehen werden. Anton war sich fast sicher, er würde nie verstehen. Wie kann jemand einfach da und dann einfach weg sein? Das ging nicht in seinen jugendlichen Kopf.

Während die Stunden vergingen und die Sonne anfing, bedenklich rot zu werden, war Anton keinen Schritt weiter gekommen. Nicht mal in Gedanken. Das Piepsen seiner Armbanduhr schreckte ihn auf. Für einen kurzen Moment lang wusste er nicht mehr, wo er war, dann sah er das Abendrot und nach einigen mühsamen Fehlschlägen des Aufstehens machte er sich endlich auf den Weg in die nicht weit entfernte Kleinstadt. Dort, so hoffte er, würde es möglich sein ein ihn wenigstens ein wenig vor seiner Vergangenheit schützendes Quartier für die Nacht zu finden.

Der Morgen war kalt. Viel zu kalt für die Jahreszeit. Anton dachte darüber nach, dass es eine Regel geben müsste, die es Julimorgen untersagt, so unsagbar kalt zu sein. Noch im Halbschlaf griff er auf den Nachttisch neben sich. Ein Buch. Das Tagebuch. Gestern Abend hatte er noch darin geblättert. Jetzt wünschte er sich, es niemals mitgenommen zu haben. Zu groß war der Schmerz, der sich bei jedem einzelnen Wort, bei jedem Schwung der Tinte, dieser sonderbar dunkelgrünen Tinte, durch seinen Körper zog.

Zu verstehen, was in einem Menschen vorgeht, der jemanden, en er liebt, verloren hat, heißt, sowohl ihn, als auch den Verlorenen gleichsam zu lieben. Zu verstehen, was in Anton vorging, würde nun also Lenes neue Aufgabe werden. Anton musste schnell ein paar Tränen wegdrücken, bevor er zur Rezeption ging, um zu telefonieren.

„Hallo?“

„Lene? Ich bin es. Ich…Tim…“

„Anton?…Anton?…Was ist? Was ist mit Tim?“

Er hatte aufgelegt. Nicht beabsichtigt. Sein Unterbewusstsein hatte das für ihn entschieden. Schnell flüchtete er zurück auf sein Zimmer. Das Tagebuch starrte ihn mit seinen Tintenbefleckten Seiten an. Schnell nahm er die Tasche und suchte, das Buch in das am wenigsten frequentierte Seitentäschchen zu stopfen. Novh während des Reißverschlusszuziehens klopfte es an der Tür.

„Junger Mann, da ist ein Telefongespräch für sie an der Rezeption. Die Dame Klingt sehr besorgt!“

Er wusste es und hatte es trotzdem nicht glauben wollen. Lene würde sich sofort kümmern. Sie würde da sein, so wie sie es immer war, selbst, wenn er unbeholfenerweise den Hörer noch zehn mal wieder in die Leitung hängen würde.

(Teil 2: http://bit.ly/pp65nD)

Gedankenzeitgefühl

Ich sitze auf dem alten Holzstuhl auf dem Balkon in eine Decke gewickelt und beobachte die Wolken. Manchmal würde ich gerne die Welt anhalten, nur für ein paar Sekunden, damit sie stehen bleiben und ich sie noch etwas länger ansehen kann. Es ist stürmisch heute. Ich ziehe die mit bunten Flicken bestickte Decke etwas enger um meine Schultern. Meine Gedanken kehren dorthin zurück, wo sie eigentlich nicht sein sollten.

Wir hatten uns nicht mehr viel zu sagen und doch blieb so vieles unausgesprochen. Letztendlich hingen so viele ungesagte Worte zwischen uns in der Luft, dass das Atmen schwer fiel.

Als ich nach meiner Teetasse greife stelle ich fest, dass sie leer ist. Seufzend strecke ich die Beine aus. Ich habe jegliches Gefühl für Zeit verloren. Eine Katze läuft über die Wiese hinter dem Haus. Katzen haben dich immer fasziniert. Sie seien so anmutig, hast du gesagt.

Ich stehe auf und gehe in die Küche. Gerne hätte ich dir von meinem Tag erzählt und dich gefragt wie es dir geht, was du machst. Während der Wasserkocher leise zu zischen beginnt sehe ich aus dem Fenster.

Ich habe dich nie eine Katze streicheln sehen.

Weg

Es war einer dieser Tage, an denen jede Bewegung zu viel zu sein schien. Sie saß in der Bahn, starrte aus dem Fenster und hoffte, dass der Zug endlich die nächste Haltestelle erreichte. Zum Glück befand sie sich nicht in einer dieser neumodischen U-Bahnen, sonst würden ihre Beine womöglich am Sitz kleben. In der Kurzstreckenbahn, in der sie saß waren die Sitze mit  blau-lila kariertem Stoff überzogen und während sie froh darüber war, dass es sich nicht um Plastiksitze handelte, kam ihr der Gedanke, dass sie lieber nicht wissen wollte, wer und was sich schon alles auf diesem Polster befunden hatte.

„Is’ hier noch frei?“ Sie sah auf. Ein älterer, entsetzlich schwitzender Mann stand vor ihr. Er wartete erst gar nicht ihre Antwort ab, sondern drückte sich mit drei vollen Stofftaschen auf den leeren Platz neben sie. Ein genervtes Stöhnen unterdrückend wandte sie sich ab und starrte weiter aus dem Fenster.

Die Haustür ging auf, Schlüssel wurden auf das weiße Sideboard geworfen, eine Tasche in die nächste Ecke geschleudert. Drei Briefe lagen auf dem Küchentisch. Autoversicherung, Telefonrechnung und ein an sie adressierter Brief. Sie blickte auf den Absender, schluckte einmal schwer, hielt kurz inne und zog sich dann einen Stuhl heran.

Sturmklingeln. Keine Reaktion. Lautes Klopfen an der Tür. Keine Reaktion. Lena wurde unruhig. Das passte nicht zu Marie. Normalerweise öffnete sie sofort beim ersten Klingeln. Sie ging um das Haus herum, kletterte mühelos über den kleinen Gartenzaun und gelangte über die offene Terrassentür ins Innere des Hauses. Schon beim Betreten des Wohnzimmers hatte Lena ein mulmiges Gefühl im Bauch. „Marie? Bist du da?“ Nichts. Sie ging ins Esszimmer und sah eine in sich zusammengesunkene Marie auf einem der Holzstühle sitzen. Sie hatte die Füße bis unter das Kinn gezogen, die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf auf sie gelegt. Lena musste nicht näher kommen, um zu bemerken, dass sie weinte. Wortlos hielt Marie ihr ein auf beiden Seiten beschriebenes Blatt Papier hin. Sie hielt den Atem an. Sie wollte das nicht lesen, wollte den Brief nicht einmal in die Hand nehmen, wusste sie doch genau, was darin stehen würde. Marie blickte sie mit verheulten Augen an.

Fünfzehn Minuten später saßen die beiden in Lenas Auto. Marie war plötzlich aufgesprungen, in ihr Zimmer gelaufen, hatte wahllos Klamotten in eine Tasche gepackt.

„Ich muss hier raus. Sofort.“

Zuerst fuhren sie ziellos umher, keiner sagte ein Wort. Lena brach schließlich das Schweigen. „Willst du darüber reden?“ Marie sah sie nicht einmal an. „Wohin soll es denn gehen?“ – „Weg.“

Also fuhr sie. Wohin wusste sie selbst nicht genau. Als es dämmerte hielt Lena schließlich am Ufer eines kleinen Sees. Maries Handy hatte zwischendurch zwei- oder dreimal geklingelt. Lena versuchte gar nicht erst, sie davon zu überzeugen abzunehmen, sie hätte es ja doch nicht getan.

Die beiden Mädchen stiegen aus, gingen um das Auto herum, lehnten sich an die Motorhaube und beobachteten die Sonne langsam beim Untergehen.

„Er kommt nicht zurück, oder?“, setzte Lena vorsichtig an. Marie schüttelte fast unmerklich den Kopf.

Die Sonne war schon eine Weile untergegangen, als sie plötzlich auf das Seeufer zuging. Sie streifte sich ihr blaues Sommerkleid über den Kopf und stürzte sich in die kalten Fluten. „Na los!“, rief sie Lena zu. Ungläubig betrachtete sie Marie. Dann warf auch sie Shorts und T-Shirt in das feuchte Gras und folgte ihr ins Wasser.

Ein Versuch

„Ich mache doch gar nichts.“
„Doch. Du bist da.“

„Du doch auch!“ möchte ich sagen. Du bist da. Immer. Du hörst zu, stellst die richtigen Fragen, findest die richtigen Worte. Du weißt, wann es Zeit ist mit mir zu schweigen und wann ich Worte brauche, um nicht von meinem Schweigen erdrückt zu werden. Du bist da und machst alles so viel einfacher und schöner. Du bist da und alles um mich herum wird besser.

Ich möchte versuchen, Dir etwas von dem zurückzugeben, was Du mir gibst. Ich bin da.

„You’re going to be okay.“

Irgendwann wird es okay sein. Natürlich. Nicht, weil alle das sagen, sondern weil es stimmt. Ich bin okay und irgendwann wird das alles okay sein. Ich werde zurückblicken und voller Überzeugung sagen können, dass es gut so war und dass es okay ist, wie es ist.
Noch ziept es ab und zu. Manchmal ist es eine Weile gut und plötzlich tut es wieder weh. Aber das ist okay. Ich gewöhne mich nicht an den Schmerz, aber ich lerne zu akzeptieren.
Manchmal würde ich gerne alles rückgängig machen und von vorn anfangen.
Was wäre, wenn ich jetzt vor dir stehen würde? Ich würde dir meine Hand hinhalten und mich vorstellen und auf den Moment hoffen, in dem du nach ihr greifst und deinen Namen nennst. Alles auf Anfang.

So einfach ist das nicht, das weiß ich und wahrscheinlich will ich das auch gar nicht wieder. Vielleicht würde alles genauso enden, wie es schon einmal endete, vielleicht würdest du nicht einmal nach der Hand greifen. Es spielt keine Rolle mehr, was wir denken, denn es gibt kein wir. Vielleicht gab es nie eines.

Es wird jeden Moment ein bisschen mehr okay und – so verrückt das klingen mag – du hilfst mir dabei.

I’m going to be okay.

(And I hope you are, too.)

Hier und Jetzt

Herzwach und kopfmüde. Worte, die Luft brauchen. Gedankenfetzen, die Freiheit bekommen.

Das alles hier.